Stimmt, “We Need To Talk About Kevin”, Lionel Shriver!

Kevin ist kein Wunschkind. Er ist das Mittel, um einer stockenden Ehe neues Leben zu verleihen. Eva weiß nicht, dass ihr Wunsch nach mehr Aufregung und Abenteuer im Leben ein dämonisches Kind hervorruft, das später als Teenager durch einen Amoklauf Mitschüler massakriert.

Die Verfilmung “We Need to Talk About Kevin” des gleichnamigen Bestsellers von Lionel Shriver war so verstörend und mitreißend, dass ich unbedingt das Buch lesen musste. Shrivers Werk wurde anfangs von vielen Verlagen abgelehnt. Doch die Geschichte fesselt, der Schreibstil ist ungewöhnlich, ja übertrieben eloquent inszeniert, und das Thema aktuell wichtiger denn je: Wie kommt es, dass ein Teenager Amok läuft? Film und Buch sind schlau genug, keine profanen Antworten liefern zu wollen, aber die Geschichte allein bewegt zutiefst.

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(Tilda Swinton als Eva Khatchadourian)

Hier ein Artikel zur Verfilmung mit Tilda Swinton bei SPIEGEL-Online:

-Christian Büß -

Das Ding, das andere ihren Sohn nennen, raubt ihr den letzten Nerv. Es lärmt, es sabbert, es saut sich voll. Spricht man es an, dann stellt es sich stur. Für die junge Mutter Eva (Tilda Swinton) ist das Leben eine endlose Wochenbettdepression: Als Baby ist ihr Kevin eine unerträgliche Last, im Teenager-Alter erscheint er ihr endgültig als Ausgeburt der Hölle. Je schlechter es der Mutter geht, desto mehr scheint Kevin das Leben zu genießen. Der geborene Sadist.

Am Anfang sehen wir, wie er als Baby die Windeln voll hat. Eva beschwert sich, dass sie in Paris das Leben genießen könnte, statt ihn hier in einem öden amerikanischen Vorort sauber zu machen. Kaum anzunehmen, dass das Baby die Worte verstanden hat, aber so, wie sich Kevin später verhält, könnte man das glatt annehmen: Als wollte er sich für die Lieblosigkeit seiner Mutter rächen, trägt er auch mit acht Jahren noch Windeln. Und wenn Eva ihm eine frische angezogen hat, grinst er dämonisch, um ein besonders großes Häufchen abzusondern.

Zu diesem Zeitpunkt hat Eva den Kampf gegen ihr Kind schon lange verloren. Kevin treibt sie mit manipulativen Spielen vor sich her, und wenn sie ihm in die Falle gegangen ist, dann setzt er sein eisiges, spöttisches Lächeln auf. In einer Szene durchwühlt Eva das Zimmer ihres Sohnes und findet eine suggestiv beschriftete, selbstgebrannte CD. Etwa ein Sex- oder Gewaltfilm? Sie kann nicht widerstehen und schiebt die CD in ihren Computer. Woraufhin der abstürzt und alle ihre Daten löscht. Ein weiterer Sieg für das pubertierende Ungeheuer: Du willst mich verstehen? Vergiss es!

Der adoleszente Sadismus von Kevin steigert sich ins Monströse, das lässt sich nicht so leicht weganalysieren: An einem schönen Tag geht er mit Pfeil und Bogen in die Schule, tötet eine halbe Klasse, auch Vater (John C. Reilly) und Schwester bringt er um.

Ein Amoklauf? Eher das Gegenteil, ein kühl geplantes und ausgeführtes Attentat, das nur einen Sinn zu haben scheint: der Mutter die größtmögliche Verletzung zuzufügen. Überleben als Strafe.

Zudem muss sich Eva mit der Tatsache auseinandersetzen, ob sie das tragische Unglück nicht hätte verhindern können. Die Bewohner ihrer Stadt denken ganz offensichtlich so, denn sie beschmieren ihr Haus und schlagen ihr auf offener Straße ins Gesicht. Doch die Geschichte zeigt, dass die Schuld nicht immer der Mutter zugeschoben werden kann. Oder? Inwiefern erweckt man das Böse, wenn man aus egoistischen Gründen ein Kind zeugt? Wir hören von Kevins bösen Taten allein aus Evas Sicht und man könnte sie anzweifeln, doch Eva ist fähig Kinder zu lieben. Kevins jüngere Schwester ist ein glückliches Mädchen, das von seiner Mutter geliebt wird.

Kevins Gräueltat lässt nicht nur Eva, sondern auch den Leser verstört zurück. Nehmt die Briefe der Mutter eines Amokläufers in die Hand und taucht ein in das schwierige Mutter-Sohn Verhältnis. Anders als die Bates-Mutter-Sohn-Beziehung aus “Psycho”, sehen wir hier die fatalen Folgen nicht aus der Sicht des Killers. Der gut inszenierte Film und das authentisch geschriebene Buch ergeben eine wunderbare Kombination, um die Story in beiden Medien (ohne einen Vergleich oder eine Wertung) gleichsam gut erleben zu können.

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Viel Spaß! Euer Lit. erl – Team!

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